Polen rein!

Jetzt ist es also raus: Die Deutschen haben keine Angst mehr vor den „Horden aus dem Osten“. Fast die Hälfte der Deutschen kann sich vorstellen, mit einer Betreuungskraft aus Polen oder Rumänien unter einem Dach zu leben. Natürlich ist dieses Ergebnis einer Umfrage nicht nur zunehmender Lockerheit geschuldet, sondern auch der Sparsamkeit. Jeder weiß schließlich, dass eine ausländische Hilfe deutlich weniger kostet als eine inländische.

Aber es geht beileibe nicht nur um den Wunsch, wenig zu bezahlen. Denn den hatten deutsche Mittelschichthaushalte vor zehn Jahren auch schon. Noch größer was damals allerdings die Angst, die nette Polin könne eines Nachts zusammen mit dem Tafelsilber auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein. Polenwitze im Fernsehen spiegelten tief sitzende Vorurteile wider („Besuchen Sie Polen! Ihr Auto ist schon da.“) Kaufhäuser im deutsch-polnischen Grenzgebiet stellten Schilder auf, die in Polnisch darauf hinwiesen, dass jeder Diebstahl sofort zur Anzeige gebracht wird…..

Und heute? Heute suchen die selben Kaufhäuser dringend polnisch sprechendes Personal, weil sie festgestellt haben, dass der Pole (und vor allem: die Polin) auf Besuch in Deutschland vor allem etwas will, was viele Deutsche lieber vermeiden: Kaufen, Geld ausgeben!

Zurück zur Pflege: Langsam spricht es sich sogar in der Politik herum, dass niemandem damit gedient ist, osteuropäische Betreuungskräfte wie mühsam geduldete, aber unbeliebte Gäste zu behandeln. Die hessischen Regierungsparteien CDU und FDP weisen in ihrem aktuellen Entwurf für ein neues Pflegegesetz auf die wichtige Rolle ausländischer Pflegekräfte, insbesondere aus Osteuropa, hin, ohne die eine angemessene ambulante Versorgung gar nicht mehr möglich sei.

Wenn das, was die Menschen eh wissen, jetzt sogar in Politikerhirnen angekommen ist, dann besteht vielleicht Hoffnung. Darauf zum Beispiel, dass die massenhafte Arbeit der Osteuopäerinnen endlich durch klare gesetzliche Regeln abgesichert wird.

Und das müsste nebenbei bemerkt noch nicht mal deshalb geschehen, weil auch die Politik weltoffener geworden ist. Der Wunsch zu sparen würde als Motiv reichen. Denn: Circa eine Million Menschen werden bei uns zu Hause von Angehörigen oder Freunden gepflegt. Zwei Drittel davon erhalten das vergleichsweise niedrige Pflegegeld, mit dem einige vielleicht – auch – eine Hilfe aus Osteuropa bezahlen. Für die Steuer- und Sozialkasse ist dies die billigste Lösung. Die Alternativen dazu – mehr Sachleistungen bei Pflegediensten einzukaufen oder ins Heim umzuziehen – sind erheblich teurer. Und zwar für alle.

 

Christoph Lixenfeld

1 Kommentar
  • JuLe 15. März 2011

    43 Prozent der Deutschen wollen also die Hilfe einer ausländischen Pflegekraft.

    Ein klarer Aufruf an die Politik, die Tätigkeit von selbständigen Betreuungsdienstleistern endlich auf eine solide rechtliche Grundlage zu stellen, um diesem Wunsch nachzukommen!

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