Filmtipp: Family Business

Die 88-jährige Anne regiert ihr Leben in Bochum vom Sofa aus. Vor kurzem ist ihr Mann gestorben. Er hatte im Alltag gekonnt überspielt, was nun für die Töchter erschreckend deutlich wird: Anne wird dement. Sie kann nicht mehr alleine leben.

Jowitas Familie wohnt im polnischen Lubin seit Jahren in der Baustelle ihres Hauses. Die Küche fehlt, die Schlafzimmer sind noch im Rohbau. Die 13-jährige Tochter wartet sehnsüchtig auf ein eigenes Zimmer. Es fehlt an Geld. Jowita braucht dringend Arbeit.

In Deutschland können zwei Töchter ihre Mutter nicht länger alleine pflegen. In Polen verlässt eine Mutter ihre Familie, um für die fremde Frau zu sorgen.

Zwei Familien, die zufällig zusammengeführt werden. Indem Jowita als Betreuerin bei Anne einzieht übernimmt sie die Aufgabe, die Annes berufstätige Töchter nicht mehr alleine leisten können: in häuslicher Gemeinschaft für die Mutter da zu sein. Aber die alte Dame verliert zunehmend den Bezug zur Realität. Sie kann Jowita in ihrem Leben nicht einordnen. Die beiden Frauen verstehen sich nicht gut. Sie mögen sich auch nicht besonders. Die Tage werden zäh und lang für Jowita, die sich nun weit weg von der eigenen Familie in den Routinen einer alten Frau wiederfindet.

Family Business stellt die beiden Familien einander gegenüber. Sie tauschen Zeit gegen Lohn und machen so Familie zu einem Arbeitsplatz. Ohne simple Zuschreibungen folgt der Film dieser Spur der Ökonomie tief in den Alltag dieser Familien hinein. Wo gibt es Gewinn? Worin besteht der Verlust? Eine Bilanz, die immer mehr von uns früher oder später werden ziehen müssen. Denn fast jeder in Deutschland kennt Familien, die eine Polin beschäftigen. Jeder in Polen kennt in seinem direkten Umfeld Frauen (selten auch Männer), die in deutschen Familien arbeiten. Und beide Seiten wissen dazu viele Geschichten zu erzählen.

Geschichten von großer Nähe und langer Abwesenheit, von Überforderung und Emanzipation, von zu fettem Essen, von Liebe, Schuld, Dankbarkeit und vom Tod. Und die meisten Geschichten tragen die tiefe Verwunderung über das Familienleben der anderen in sich. Tägliche Abläufe, die Besonderheit des Sprechens, von Berührungen, der familiäre Humor und der geteilte Geschmack sind die Bausteine körperwarmer Normalität. Wer als Kind in der Familie eines Freundes zu Gast war mag sich vielleicht an die Intensität der Wahrnehmung von Kleinigkeiten erinnern, die so anders waren als in der eigenen Familie.

In diese gewachsene Normalität bricht nun in dieser Situation die Wirtschaftlichkeit fühlbar ein. Anne und Jowita treffen aufeinander. Für Jowita ist Annes Wohnung ein Arbeitsplatz. Für Anne ist Jowita mal eine Art Gast, mal eine Hausangestellte. Ihre Rolle ist für sie verwirrend. Wie soll sie sich zu ihr verhalten?

Ein Dokumentarfilm von Christiane Büchner, der bereits in vielen deutschen Kinos läuft. Eine Terminübersicht sowie weitere Informationen zum Film finden Sie hier.

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