Abschied vom Ich

Gretel greift zum Messer, sie will die Butter haben. „Mama“, sagt David vorsichtig, „auf Aprikosen schmiert man keine Butter.“ Die alte Dame wundert sich. „Nicht?“, fragt sie und schiebt die Butterdose zur Seite.

Diese Szene am Küchentisch, ist Teil des Dokumentarfilms „Vergiss mein nicht“, der am 31. Januar 2013 in den deutschen Kinos anlief. Der Hessische Regisseur David Sieveking zog zurück in sein Elternhaus, um dort auch mit Hilfe eines Hausengels, die Pflege seiner Mutter zu übernehmen. Über ihre Reise in die Demenz erstellte er mit dem Einverständnis seiner Eltern einen einfühlsamen Dokumentarfilm. Sieveking ist plötzlich Sohn, Betreuer und Dokumentarfilmer in einer Person. Eine Kombination, aus der eine besondere Intimität resultiert. Seine Gegenwart und die Anwesenheit des Filmteams wirken erfrischend auf die Mutter, die endlich wieder Eigeninitiative entwickelt und neue Lebensfreude zeigt. Trotz ihrer zeitlich wie örtlichen Orientierungslosigkeit bleibt Gretel heiter und gelassen: Sie hält sich für eine junge Frau und David für ihren Mann Malte.

Der Film umspannt einen Zeitraum von vier Jahren, in denen David Sieveking chronologisch den Krankheitsverlauf seiner Mutter dokumentiert. Radikal offen und schonungslos konfrontiert er sich selbst und seine Zuschauer mit den Auswirkungen der Demenz – bis hin zu der Situation, in der Gretel im Sterben liegt.

Der Film wirkt wie eine zärtliche Liebeserklärung, rührend, melancholisch und so brillant. Es ist ein leichter, fast heiterer Film nicht nur über die Krankheit, sondern über die Lebens- und Liebesgeschichte der Eltern. Und das liebevolle Porträt eines Menschen, dessen Selbstbild langsam verblasst. Sieveking gelingt es, mit seiner verwirrten Mutter wunderbar lichte Momente zu erleben. Sie verliert ihr Gedächtnis, ihren Sinn fürs Sprechen, aber sie gewinnt etwas anderes: eine entwaffnende Ehrlichkeit und Unschuld, gepaart mit überraschendem Wortwitz und weiser Poesie.

Darüber hinaus ist der Film jedoch auch eine realistische Darstellung über eine Krankheit, die immer mehr Menschen trifft und vor der man die Augen nicht verschließen kann. Er widmet sich der Thematik der Alzheimererkrankung und des Alterns sowie ihrer Auswirkungen auf die einzelnen Familienmitglieder, insbesondere auf ihre Beziehungen untereinander. Außerdem geht es um die schlichte Tatsache, dass Pflege organisiert werden muss. Der demografische Wandel als großes Thema unserer Zeit macht die Beschäftigung mit verschiedenen Modellen der Altenpflege und ihrer Bedeutung für alle Beteiligten immer brisanter.

Ein wunderbarer Film, der es versteht, mit viel Sensibilität den Zauber des Augenblicks einzufangen und beweist, dass aus Krankheit oder Schicksalsschlägen ein Neuanfang entstehen kann.

 

Juliane Schneider

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